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Come on Friedrich:

Reclaim the mayday!

"Die Maifeier des Proletariats war epochemachend nicht nur durch ihre Allgemeinheit, die sie zur ersten internationalen Tat der kämpfenden Arbeiterklasse machte. Sie hat auch dazu gedient, höchst erfreuliche Fortschritte in den einzelnen Ländern zu konstatieren. Feind und Freund sind einig darüber, daß auf dem ganzen Festland Österreich, und in Österreich Wien, den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten begangen und die österreichische, voran die Wiener Arbeiterschaft sich damit eine ganz andere Stellung in der Bewegung erobert hat. Vor einigen Jahren noch war die österreichische Bewegung fast auf den Nullpunkt gesunken, waren die Arbeiter der deutschen und slawischen Kronländer in feindliche Parteien gespalten, ihre Kräfte aufreibend in innerem Kampf; wer noch vor nur drei Jahren behauptet hätte, am 1. Mai 1890 würde Wien und ganz Österreich allen anderen ein Vorbild geben, wie ein proletarisches Klassenfest zu feiern ist, den hätte man ausgelacht." (Friedrich Engels in der Arbeiterzeitung vom 23. Mai 1890)

1. Schon Friedrich Engels bewunderte also die "Maifeier des Proletariats" in Wien. Nun ist seither einiges Wasser die Donau hinab geflossen, bei der Sozialdemokratie hat sich selbst der Anschein, etwas mit einer sozialistischen Transformation der Gesellschaft am Hut zu haben, in Luft aufgelöst - nicht jedoch der Maiaufmarsch. Wie eh und je zieht die (zunehmend älter werdende) Parteibasis zwar nicht zu Sonne und Freiheit, aber immerhin in Richtung Rathausplatz, um dort nach einer freudigen Begrüßung durch die Moderation mehr oder weniger andächtig spannende Reden von oben zu konsumieren, und/oder sich an der heavy rotation der feuerroten Seidentüchlein in Häupels und Gusenbauers Händen zu erfreuen. Anschließend: Prater. Bier. Bett. Was dazu wohl Engels sagen würde? Nicht wenige seiner AnhängerInnen jedenfalls nutzen den Umzug, um an "die Klasse" ranzukommen, in der die "Verankerung" ach so schwer fällt. Der Autor dieser Zeilen weiß wovon er schreibt: Da werden Flugblätter verteilt, Zeitungen angeboten und Diskussionen ob des ebenfalls neoliberalen Charakters der SPÖ ("stimmt ja eh´, aber ...") geführt ("dabei hätten wir eine wirklich sozialistische Organisation anzubieten, zwar klein aber ..."). Kurz darauf dann auf der Ringstraße jene Widerspiegelung en miniature, die sich da seit Jahren "alternativer 1. Mai" nennt, und doch nur ein "Die-KPÖ-und-ihr-genehme-Personenkomitee-1. Mai" ist. Dort sind zwar die Fahnen röter, die Sprechchöre vorhanden und gerne auch militant, aber auch hier gilt: Podium. Rede. Prater (oder Siebenstern). Bier. Bett. Doch plötzlich: kein Podium, Selbstorganisation, Prekariat, Flexicurity, Antirassismus, Musik, Lärm, Aktionen: Maydaymayday, we are the precariat!

2. Wie gut also, dass es den euromayday gibt. In Milano vor vier Jahren erfunden, ist die Idee des mayday schnell erklärt: Angesichts der rasant zunehmenden Prekarisierung sämtlicher Arbeits- aber auch Lebensbereiche unter postfordistischen Verhältnissen ist es höchst an der Zeit, dem entsprechende Kampfformen zu entwickeln. Die Prinzipien des mayday lassen sich wie folgt zusammenfassen: Selbstermächtigung statt Repräsentation, Vielheit statt Einfalt, "Flexicurity" statt "Arbeit für Alle!" In Milano gingen beim euromayday 2004 über 100000 Menschen auf die Strasse und auch in Barcelona - beim ersten dort stattfindenden mayday - waren es tausende, heuer sollen in ganz Europa euromaydays abgehalten werden. Der Charakter des mayday unterscheidet sich dabei von jenem einer klassischen Demonstration. Es geht nicht um die Repräsentation gemeinsamer Interessen, sondern um die Präsentation der jeweils eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Aktionen statt Reden also, vielfältig, bunt und laut. In Barcelona zum Beispiel verwandelten die AktivistInnen die Route der Parade in ein einziges unübersehbares Zeichen prekären Aufbegehrens. Die Palette reichte von Schablonenmalereien über Plakate und Aufkleber bis hin zu klassischen Graffitis.

3. Prekarität ist zwar zentral mit Deregulierung und Entrechtung bezogen auf Arbeits(lose)verhältnisse verbunden, lässt sich aber nicht darauf reduzieren, sondern weist ebenso auf die Problematik von Migration und "Papierlosigkeit", auf die Unsicherheit von Wohnverhältnissen, auf die Privatisierung öffentlicher Räume oder die Neoliberalisierung des Bildungssystems und des Kulturbetriebs hin. Dementsprechend versteht sich der mayday auch als offener Raum, in welchem politische Forderungen und Lebenszusammenhänge hierarchiefrei und nebeneinander artikuliert werden können, ohne dass Forderungskataloge aufgestellt oder "politische Linien" ausverhandelt werden müssen. Dennoch taucht im Zusammenhang prekärer Selbstorganisierung immer wieder der Begriff "Flexicurity" auf, der in eine bestimmte Richtung deutet: es geht nicht mehr um "Arbeit für alle!" oder um die Forderung nach regulierten Vollzeitarbeitsplätzen; vielmehr zielt die Wortkombination von "Flexibility" und "Security" auf die Selbstbestimmung der Subjekte über ihre Flexibilität ab, die nur im Rahmen bestimmter sozialer Absicherungen möglich wird, sei es als garantiertes Recht auf Sozialversicherung und/oder als ein bedingungsloses Grundeinkommen. So erklärt sich auch die Zweideutigkeit des Begriffes "mayday" selbst: Es ist nicht nur die englischsprachige Bezeichnung für den ersten Mai sondern auch das Alarmsignal für in Seenot geratene Schiffe. Prekarität als Risiko und Chance, auch als Chance für die Restrukturierung der sozialen Bewegungen und einer Politik der radikalen Linken jenseits von Arbeits- und Wahlfetischismus.

4. Diese Chance will genützt sein, auch in Wien. Seit einiger Zeit existiert ein Vorbereitungsplenum, welches die Organisationsarbeiten für einen euromayday 2005 in Angriff genommen hat, sich aber auch um die Einbettung in die internationale Kampagne kümmert, denn auch das Prekariat hat kein Vaterland. Alsdann: "Erster Mai, an die Luft, wo der Engels nach uns ruft!" (FSK - Karl-Eduard von Schnitzler Polka)

Erschienen in: DIE LINKE. Zeitung der Sozialistischen Alternative