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Aufruf zum Euro-MayDay-Treffen in Paris 11/12/13-03-2005

!!!Mayday Mayday!!!

Überall in Europa verschlechtern sich die Umstände, unter denen wir leben. Deswegen haben wir - unterschiedlichste linke AktivistInnen, Gruppen und Netzwerke aus ganz Europa, bestehend aus StudentInnen, MigrantInnen, Kulturschaffenden, Arbeitslosen, Saison-, Teilzeit- und anders Arbeitenden uns zusammen gefunden, um über unsere Lebenssituation nachzudenken und wieder einzufordern, was wir für ein gutes Leben halten. Die Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt in den verschiedenen europäischen Ländern sind unterschiedlich. Doch bei allen kulturellen, sozialen und politischen Unterschieden haben wir doch sehr ähnliche Probleme und Wünsche. Was uns verbindet, ist der Wunsch nach einem guten Leben, das unseren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen folgt - und nicht denen des Kapitalismus.

Der Zugang zu Ressourcen - zu Bildung, medizinische Versorgung, bezahlbaren Wohnraum, zu Mobilität, aber auch zu kulturellem Leben, zu Kino, Theater oder Sportereignissen und freier Zeit, die wir gemeinsam mit anderen und nach unseren Vorstellungen verbringen können - wird für jedeN EinzelneN immer schwieriger. Viele sind immer öfter ausgeschlossen: MigrantInnen, Arbeitslose, RentnerInnen, StudentInnen, aber auch all jene, die trotz mehrerer Jobs nicht "über die Runden kommen".

Ein ganz entscheidendes Moment des Lebens heute ist die Unsicherheit. Unter unsicheren, das heißt für uns prekären Bedingungen zu leben und zu arbeiten, geht einher mit einer zunehmenden Verarmung und Ausgrenzung eines großen Teiles der Bevölkerung. Die zur Zeit stattfindende Prekarisierung ist für uns ein Ausdruck der neoliberalen Variante des Kapitalismus. Prekarisierung ist ein Projekt der Lohnsenkung und Entwertung von Arbeitskraft und tritt uns in verschiedenen europäischen Ländern in Gestalt von "Sozialreformen" oder unter den Maßnahmen zur "Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion" entgegen.

Die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben, die Individualisierung der Verantwortung und Entsolidarisierung sind politisch gewollt und in keiner Hinsicht zufällig. Im Prozess der Prekarisierung stecken aber auch Forderungen von unten, von sozialen Bewegungen der letzten 30 Jahre - nach Selbstbestimmung und Flexibilisierung, nach dem Aufbrechen fester geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen und männlicher Normalbiografien. Die Integration dieser Wünsche in neoliberale Strategien ist fatal und Ausdruck aktueller Machtverhältnisse.

Es wird von uns erwartet Verständnis dafür aufzubringen, dass im Zeitalter von Rekordgewinnen der multinationalen Unternehmen und boomender Ökonomien in vielen Ländern der Erde ständig erzählt wird, es sei kein Geld da. Die vermeintliche .Krise., die nun .gemeinsam. bewältigt werden soll, suggeriert denen, die unter prekären Bedingungen leben und arbeiten, sie müssten schneller und besser sein, um das wenige was ihnen zusteht auch zu erhalten.

Soziale Rechte und Leistungen werden immer konsequenter ausgehebelt und weiter delegitimiert. Dies gilt in besonderem Maße für MigrantInnen und Illegalisierte, die im Zuge der Abschottung der EU zu superflexiblen und super-entrechteten Arbeitskräften werden. Somit wächst generell die Notwendigkeit individuelle Überlebensstrategien zu suchen. Orte, an denen Kollektivität hergestellt werden kann, an denen Diskussionen über das was wir wollen, entstehen können, verändern sich oder verschwinden. Lebenslagen werden entpolitisiert und individualisiert. Traditionelle Gewerkschaften verlieren an Einfluss, weil sie einen Großteil der lohnarbeitenden und erwerbslosen Menschen gar nicht mehr erreichen. SaisonarbeiterInnen, MigrantInnen ohne Papiere, das Heer der Selbstständigen in .Ich-Unternehmen., befristete ArbeiterInnen und Teilzeitkräfte passen nicht in ihr Schema.

Es liegt an uns, neue Formen von Solidarität und Kollektivität in und jenseits der Arbeit zu entwickeln. Wir handeln in dem Bewusstsein, dass soziale Rechte noch nie vom Himmel gefallen sind, sondern immer auch Ergebnisse von Kämpfen waren. Der Kapitalismus hat gelernt, diese Kämpfe einzubinden, um sich zu modernisieren. So wurde mit der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse auf die alternativen Lebensvorstellungen der sozialen Bewegungen und die ArbeiterInnenkämpfe reagiert, die sich gegen die rigide Fabrikarbeit wendeten. Deshalb müssen andere Formen der Kollektivität und Zusammenarbeit entwickelt werden, die sich nicht einbinden oder vermarkten lassen. Eine Grundprämisse ist hierbei, dass wir eine Spaltung in untereinander konkurrierende nationale Kollektive oder Kernbelegschaften und Prekarisierte zurückweisen und rassistischen und nationalistischen Antworten auf diese Konkurrenz eine Absage erteilen.

Die wesentliche Gemeinsamkeit, die zwischen den AktivistInnen und Netzwerken aus vielen Ländern Europas besteht, ist unsere Überzeugung, dass es sich lohnt, aus einer Haltung der Ohnmacht und Sprachlosigkeit herauszutreten.

Deshalb werden wir unsere jeweiligen Praxen in den einzelnen Ländern nun auch auf europäischer Ebene weiter auszudehnen. Es geht uns darum, neue Strategien für kollektives Leben und Arbeiten zu entwickeln. Wir wollen solidarische und kollektive Politikformen finden, in denen sich unser Anspruch auf Autonomie und unbeschränkten Zugang zu Ressourcen ausdrücken lässt.

Wir sind sicher, dass das Bedürfnis nach einem guten Leben und unserer Widerstand gegen die neoliberalen Verhältnisse eine Basis für gemeinsames Handeln bietet. Wir wollen uns nicht mehr vorschreiben lassen, was wir leisten sollen. Wir wollen selbst bestimmen, wie ein gutes Leben für uns aussieht.

Her mit dem schönen Leben!
Reclaim your life!