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Prekär, Prekarisierung, Prekariat?

Thesen zu Bedeutungen, Fallen und Herausforderungen eines komplexen Begriffs, und was das mit Migration zu tun hat ...

I. Prekär bedeutet im wörtlichen Sinne »unsicher, misslich, schwierig, bedenklich«. Als politischer Begriff gebraucht, sind damit vor allem Lebens- und Arbeitsverhältnisse gemeint, die keinerlei Garantien begleiten.

Zum Beispiel ein prekärer Aufenthaltsstatus von MigrantInnen und Flüchtlingen oder ein prekärer Alltag als allein erziehende Mutter. Seit den frühen 1980er Jahren wird »prekär« verwendet, um Verhältnisse in der Arbeitswelt zu beschreiben. Prekäre Arbeit bezieht sich entsprechend auf alle möglichen Arten unsicherer, entgarantierter, flexibilisierter Ausbeutung: von illegalisierter, saisonaler oder temporärer Beschäftigung, über Heim-, Zeit- oder Leiharbeit bis zu so genannten selbstständigen Subunternehmen oder Ich-Ag's.

II. Prekarisierung in der Arbeitswelt meint eine beschleunigte Verwandlung bisher garantierter dauerhafter Beschäftigungsverhältnisse in zumeist schlechter bezahlte und weniger sichere Jobs.

Im historischen wie im globalen Maßstab stellt prekäre Arbeit allerdings keine Ausnahme dar. Vielmehr war die Vorstellung einer Verallgemeinerung garantierter »Normalarbeitsverhältnisse« der Mythos einer kurzen Epoche des so genannten Wohlfahrtsstaats. In den Ländern des globalen Südens und in Osteuropa sowie für den größten Teil der Frauen und MigrantInnen im »Norden« - insgesamt also die Mehrheit der Weltbevölkerung - waren und sind prekäre Beschäftigungsverhältnisse die Regel.

Prekarisierung beschreibt darüber hinaus die Krise der herkömmlichen Institutionen, die in der kurzen Zeitspanne des Wohlfahrtsstaats (falsche) Sicherheiten im Leben verkörperten. Es ist ein analytischer Begriff für einen Prozess, der auf eine neue Qualität der gesellschaftlichen Arbeit verweist.

Arbeit und soziales Leben, Produktion und Reproduktion sind heute untrennbar verwoben - das führt zu einer umfassenderen Definition von Prekarisierung: Es ist die Ungewissheit der Lebensverhältnisse in ihrer Gesamtheit, die Verunsicherung der materiellen wie immateriellen Bedingungen des Lebens und der lebendigen Arbeit unter dem gegenwärtigen Kapitalismus. Zum Beispiel: Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen sind mit geschlechtlichen und ethnischen Rollenzuweisungen verbunden, der Aufenthaltsstatus bestimmt die Zugangsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt oder zu medizinischer Versorgung. Das gesamte Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse scheint in Bewegung geraten.

III. »Prekariat« - in Anspielung auf das Proletariat - lautet inzwischen eine offensive Selbstbezeichnung, mit der die subjektiven und utopischen Momente der Prekarisierung betont werden sollen.

Angesichts der massenhaften Verweigerung, was Geschlechterrollen, Fabrikarbeit und das Kommando der Arbeit über alle Lebensäußerungen anbelangt, nimmt Prekarisierung zweifellos einen Doppelsinn an: tatsächlich lässt sich von einer Art »Flexibilisierung von unten« sprechen. Prekarisierung stellt nicht einfach eine Erfindung kapitalistischer Kommandozentralen dar, sondern ist auch eine Reaktion auf die Revolten und die neue Beweglichkeit der lebendigen Arbeit und kann insofern als ein Versuch verstanden werden, die vielfachen Kämpfe und Verweigerungen wieder einzufangen, um die Arbeit neuen Ausbeutungsbedingungen zu unterwerfen und neue Verwertungsbedingungen für das Kapital zu schaffen.

Prekarisierung steht also für ein umkämpftes Terrain: ein Terrain, auf dem die Ansätze, einen neuen Ausbeutungszyklus in Gang zu setzen, auf die Wünsche und subjektiven Verhaltensweisen treffen, in denen das Aufbegehren gegen das »alte«, fordistisch genannte Arbeitsregime und die Suche nach einem anderen, freien, ja auch »flexiblen« Leben sich äußert. Zugleich allerdings läuft »Prekariat« als neuer Kampfbegriff in eine alte Falle, wenn damit auf eine schnelle Vereinheitlichung und die Gründung eines vorherrschenden sozialen Akteurs gezielt wird.

»Prekariat« wird sogar zur Farce, wenn die radikale Linke sich über eine zunehmende Betroffenheit durch prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen zum Hauptakteur zu verklären versucht. Vielmehr geht es darum, die Hierarchien in den Blick zu rücken, die heute der Zusammensetzung der lebendigen Arbeit ihre Gestalt verleihen - von illegalisierten migrantischen Putzkräften bis zu temporär beschäftigten Computerfreaks -, und angesichts der Verschiedenheit der sozialen Bewegungsformen, ihrer Begehren und Wünsche, Prekarität nicht in eine neue Identität zu vereinfachen.

Wir sehen uns der Aufgabe gegenüber, einen Entwicklungsprozess politischer Subjektivität zu erfinden, in dem unterschiedliche Subjekte kooperieren, um Gemeinsamkeiten und Konflikte zu produzieren, ohne die besonderen Forderungen, die aus der Zusammensetzung der lebendigen Arbeit erwachsen, in ihrer Verschiedenheit aufzugeben. Das sind die Bedingungen, unter denen Prekarisierung als komplexer und umkämpfter Prozess einen Bezugsrahmen bieten kann, - um unterschiedliche Subjektivitäten auf sozialer wie politischer Ebene verstärkt in einen Austausch zu bringen, - um Widersprüche oder gar Konkurrenzen in den verschiedenen Realitäten zu vermitteln, - und um davon ausgehend übergreifende Fragestellungen zu thematisieren.

Wir denken an einen Prozess, der auf der Autonomie der unterschiedlichen Kämpfe basiert, der die Kommunikation dieser Kämpfe befördert, neue Formen der Kooperation ermöglicht und weitere Terrains eröffnet.

IV. Gerade weil MigrantInnen die genannten Formen der Entwertung und Prekarisierung heute in allen Aspekten des Lebens erfahren, gerade weil in der Mobilität eine Antwort auf die konstruierten Grenzen und zugeschriebenen Identitäten liegt, zeigen ihre Bedingungen, was aktuelle gesellschaftliche Dynamiken insgesamt kennzeichnet.

In ihrer subjektiven Situation finden die allgemeinen Existenzbedingungen der gesellschaftlichen Arbeit heute einen besonderen Ausdruck. In diesem Sinn sprechen wir von »migrantischer Arbeit«.

Hier sehen wir eine Tendenz, dass Arbeit zunehmend durch Mobilität und Vielgestaltigkeit bestimmt ist, durch tiefgreifende Veränderungen, die bereits - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - alle ArbeiterInnen erfassen. Genau wegen dieser möglichen Ausweitung sprechen wir von einer »politischen Zentralität der migrantischen Arbeit«. In der Position der MigrantInnen liegt die soziale Vorwegnahme sowie die politische Möglichkeit, gegen die genannten Entwicklungstendenzen der Ausbeutung anzukämpfen, die auf die gesamte Gesellschaft und auf das ganze Leben der Einzelnen ausgedehnt werden sollen.

Zugleich gilt auch für »migrantische Arbeit« wie schon für prekäre Arbeit, dass sich in diesem Ausdruck kein homogenes Subjekt widerspiegelt. Vielmehr muss ein Entwicklungsprozess der Subjektivität durch die migrantische Arbeit hindurch und darüber hinaus gehen, was ebenfalls nur in der Kommunikation mit anderen Kämpfen und Forderungen lebendiger Arbeit in Gang zu setzen ist.

Arbeitspapier des Frassanito-Netzwerks

Siehe auch xpedient.org